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Storyworld – Die Welt, in der Geschichte geschrieben wird

Was wäre Harry Potter ohne Hogwarts? Was wäre Game of Thrones ohne Westeros? Jede Geschichte braucht eine Welt, in der sie spielt, eine sogenannte „Storyworld“. Eine gut etablierte Storyworld regt die Fantasie der Leser an, bietet Orientierung und hat im Idealfall auch symbolischen Charakter. Oft gehört sie zu den Elementen einer Geschichte, an die wir uns am besten und am liebsten erinnern. 

Eine Storyworld ist jedoch mehr als bloß ein physischer Ort. Marie-Laure Ryan definiert die Storyworld als:

 „die Welt, wie sie durch die Geschichte repräsentiert und geformt [wird].“

Sie beinhaltet: Die Charaktere der Geschichte und die Objekte, die wichtig für den Plot sind, das „Setting“, also einen Ort, in dem die Geschichte angesiedelt ist, physikalische und moralische Prinzipien, sowie mentale und physische Ereignisse, die Ursachen für Veränderungen des Status quo sind.

Es muss sich dabei keineswegs um eine fantastische Fantasy- oder Science-Fiction-Welt handeln. Auch Geschichten, die im realen Leben spielen, sollten in einer gut durchdachten Storyworld verankert sein. Andernfalls wird es nichts werden mit der „suspension of disbelief“, dem bewussten Eintauchen der Leser in die Geschichte.

Wenn all diese Elemente gut etabliert sind, bietet das Autoren großartige Möglichkeiten. Denn in ein und derselben Storyworld können sie die unterschiedlichsten Geschichten mit den unterschiedlichsten Protagonisten erzählen – und dabei sogar das Medium wechseln, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass niemand ihre Welt wiedererkennt.

Storyworld und Genre

Die Storyworld ist eng mit dem Genre der Geschichte verknüpft, die in ihr spielt. In den meisten Science-Fiction Storys beispielsweise wird sich technologischer Fortschritt auch in der Umgebung widerspiegeln, etwa in Form von hochentwickelten Computern oder futuristischen Fortbewegungsmitteln. Und ein Western ohne Pferde ist zwar möglich, aber doch eher selten.

Die Storyworld hat auch einen großen Einfluss auf die Stimmung der Geschichte. Nicht ohne Grund sind Dystopien voller einsamer Wüsten, spielen Horrorfilme an dunklen Orten und reisen Fantasy-Charaktere durch mystische undurchschaubare Wälder. 

Orte und Objekte

Die physische Welt einer Geschichte bildet in den allermeisten Fällen die Grundlage dafür, dass überhaupt eine Handlung stattfinden kann. Charaktere bewegen sich in Häusern, in Städten, reisen durch Länder oder überqueren Weltmeere. Gut durchdachte und beschriebene Orte vermitteln Authentizität und geben uns das Gefühl, „wirklich dagewesen“ zu sein. Dasselbe gilt für Objekte, die je nach Art der Geschichte mehr oder weniger relevant sein können, beispielsweise für das Voranschreiten des Plots („Chekhov’s gun“) oder für das Wordlbuilding an sich (fliegende Autos). Daher sollten Autoren die Beschreibung der Orte, an denen die Handlung spielt, nicht vernachlässigen.

Erwähnt ein Text reale Orte oder Objekte, werden diese Teil der Storyworld, und zwar inklusive allem, was sie beinhalten. Das bedeutet, wenn eine Geschichte Bezug auf Frankreich nimmt, wird Frankreich, seine Geografie, seine Geschichte und seine Kultur automatisch ebenfalls Teil der Storyworld, außer, der Text schließt dies explizit aus. In solchen Fällen handelt es sich dann zum Beispiel um Geschichten in alternativen Realitäten.

Orte und Objekte haben oft symbolischen Charakter. Ist der Protagonist besessen von seiner neuen Designerarmbanduhr, könnte darin ein Symbol für seine Arbeitswut und übertriebenes Streben nach Geld und Erfolg liegen. Steht die Protagonistin im Regen, kann man dies in vielen Fällen wortwörtlich nehmen. Ihr seht schon, viele orts- und objektbezogene Symbole sind inzwischen ziemlich klischeebehaftet.

Physikalische Regeln

Die physikalischen Regeln der Storyworld sind stark vom Genre abhängig. In Märchen können Tiere sprechen, in Science-Fiction sind Zeitreisen möglich und in Fantasy entzieht sich Magie jeglichen physikalischen Regeln. Wenn die Geschichte in der Realität spielt, orientieren sich die physikalischen Regeln üblicherweise auch an denen der Realität.

Soziale Regeln und Werte

Soziale Regeln sind in unterschiedlichen Geschichten unterschiedlich relevant. In Dystopien spielen sie etwa eine zentrale Rolle. Ist eine Geschichte in unserer Realität angesiedelt, ist vor allem beachtenswert, welche speziellen Regeln der gezeigten Gesellschaftsschicht besonders hervorgehoben werden oder ob bekannte Regeln abgewandelt sind (etwa alle Männer tragen Kleider, Frauen falsche Bärte).

Gerade soziale Regeln sind eine Quelle für Konflikte und Charakterentwicklung. Besonders häufig sind sie daher auch mit der zugrundeliegenden Thematik einer Geschichte verknüpft. 

Ereignisse/Geschichte

Jede Welt hat ihre eigene Geschichte, die sie geprägt hat. Wie würde unsere Welt ohne die Kriege der Vergangenheit, ohne wissenschaftliche Durchbrüche, ohne große Persönlichkeiten aussehen? Genau, vermutlich völlig anders. Wir sind ein Resultat von allem, was vor uns kam. Daher solltest du beim Erschaffen deiner Storyworld nicht vergessen, ihr eine fiktionale Vergangenheit zu geben. Denn sie wird auch unmittelbar oder mittelbar die Ereignisse deines Plots beeinflussen.

Charaktere und mentale Ereignisse

Natürlich beherbergen nicht nur Objekte eine fiktionale Welt. Zum Leben erwecken sie erst die Charaktere. Diese sind Teil der Storyworld und existieren darin auch weiter, wenn sie keine Rolle mehr spielen oder sterben. Sie sind Teil der fiktionalen Geschichte. Voldemort wird immer zum Harry-Potter-Universum gehören und Iron Man prägt auch dann die Storyworld der Marvel-Filme, wenn er nicht explizit darin vorkommt.

Auf intimerer Ebene sind auch mentale Vorgänge Teil der Storyworld. Das Innenleben von Figuren bildet sozusagen ihre interne Historie. Entscheidungen, Gefühle und Ansichten ändern sich im Laufe von Geschichten und formen dadurch den Charakter. 

Die Storyworld ist unabhängig vom Medium

Die Autoren und Professoren Henry Jenkins und Umberto Eco sind sich einig: Gut ausgeformte, wiedererkennbare und zitierfähige Welten sind die Grundlage für eine große Fangemeinschaft. Nicht ohne Grund spielen die erfolgreichsten Franchises der letzten Jahrzehnte in markanten Storywelten: Harry Potter, der Herr der Ringe, Game of Thrones, die Tribute von Panem, Star Wars. All diese Welten haben gemein, dass sie auch dann noch funktionieren, wenn man sie von ihrem jeweiligen Medium – Buch, Film etc. – löst.

Ist die Storyworld detailliert genug, regt das die Fantasie der Fans an und produziert meist auch eine große Menge an Fanfiction. Und je mehr Fans über ihre Lieblingsgeschichte nachdenken, desto bereitwilliger geben sie ihr Geld für den nächsten Film, das nächste Buch oder das nächste Videospiel aus, das in der geliebten Welt spielt.

Wenn ihr also vorhabt, das große Geld mit einem Mega-Franchise zu verdienen (hehe), dann solltet ihr euch ein paar Gedanken mehr über eure Storyworld machen. Davon abgesehen, Welten zu erschaffen gehört zu den besten Seiten des Schreibens! Also los! Winter is coming 😉 .

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