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Wie entsteht Empathie?

Bambi hat gerade seine Mutter verloren und du kämpfst mit den Tränen. Warum bloß? Es ist doch nur ein fiktionaler Charakter! Ganz einfach: Empathie.

Empathie ist ein wichtiger Faktor beim Storytelling. Fühlen wir mit den Charakteren, erleben wir die Geschichte, anstatt einfach bloß zuzusehen. Dadurch erreichen Autorinnen und Autoren eine größere Leserbindung. Und Leserinnen und Leser bekommen eine interessantere Geschichte.

Sehen wir uns also einmal genauer an, was Empathie ist, was sie bewirkt und mit welchen Mitteln wir sie erzeugen können.

Was ist Empathie?

Empathie bedeutet, dass wir mit anderen mitfühlen. Plantinga definiert Empathie so:

„Die Fähigkeit oder Disposition, die Gefühle anderer zu erkennen, sie selbst emotional zu empfinden und entsprechend darauf zu reagieren“.

Durch Empathie verstehen wir jedoch nicht nur, was andere durchmachen, wir fühlen tatsächlich dasselbe wie sie, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Um Empathie zu empfinden, durchlaufen wir einen Prozess: Zunächst unternehmen wir eine Art mentale Simulation, in der wir uns vorstellen, die andere Person/die Figur zu sein bzw. in ihren Schuhen zu stecken. Im nächsten Schritt empfinden wir ähnliche Gefühle. Das geht sogar so weit, dass Empathie physische Reaktionen auslöst.

Das ist ein ganz erstaunlicher Vorgang: Wir können tatsächlich durch Empathie den Körper einer anderen Person beeinflussen. Einfach nur, indem wir ihr eine Geschichte erzählen und sie sich vorstellt, wie es wohl sein würde, die Person in dieser Geschichte zu sein. Mehr noch: Studien haben gezeigt, dass, wenn wir Empathie empfinden, in unserem Gehirn ganz ähnliche Prozesse ablaufen, wie wenn wir eine Situation selbst erleben. 

Situationen nachempfinden dank Spiegelneuronen

Dies ermöglichen die sogenannten Spiegelneuronen. Sie simulieren die Situation in unserem Gehirn, als würde sie uns selbst widerfahren. Wenn ihr also jemandem dabei zuseht, wie er sich in den Finger schneidet und euch dadurch schlecht wird, ist das nicht bloß Einbildung. Euer Gehirn simuliert den Schnitt in den Finger und die entsprechende Reaktion darauf.

Es ist also möglich, anderen Menschen durch Bücher, Filme oder andere Geschichten Erfahrungen beinahe so zu vermitteln, als hätten sie sie tatsächlich selbst gemacht. Storytelling ist ein verdammt mächtiges Werkzeug.

Die Macht der Emotionen

Mächtig ist Empathie auch dadurch, dass sie bei den Lesern/Zuschauern Emotionen auslöst und nicht bloß rein rationales Verständnis. 

Emotionen steuern unser Verhalten sehr viel schneller und nachhaltiger als der rationale Teil unseres Gehirns. Bevor wir das Für und Wider einer Situation abgewogen haben, haben unsere Emotionen schon längst entschieden. Wenn wir also irgendwann in unserem Leben die Farbe Rot mit der Emotion Angst verknüpft haben, werden wir auch dann noch vor einem Feuerwehrauto in Panik verfallen, wenn wir uns 100 Mal rational bewusst machen, dass die Feuerwehr da ist, um uns zu helfen.

Für Autorinnen und Autoren bedeutet das, dass wir unsere Leser/innen vor allem auf der emotionalen Ebene packen müssen. Wir können ihnen so oft wir wollen einreden, dass unser Bösewicht extrem beängstigend ist. Das wird sie aber niemals fesseln, wenn wir sie nicht dazu bringen, diese Angst auch zu fühlen. 

OK, das klang jetzt etwas finster. Dasselbe funktioniert natürlich auch mit glücklichen bunten Regenbogenponys. 

Warum „show, don’t tell“ Empathie erzeugt

Genau das ist auch einer der Gründe, warum das berühmte „show, don’t tell“ so unglaublich wichtig ist. Wenn wir jemandem erzählen, dass Figur X Angst hat, lösen wir damit kaum eine Reaktion aus. Wenn wir jedoch die Szene, durch die Figur X Angst bekommt genau beschreiben, dann fangen unsere Spiegelneuronen an zu arbeiten. Wir versetzen uns in die Situation hinein, simulieren sie und empfinden eine echte Emotion. Das hat einen viel größeren Einfluss auf Leser, als es das reine Erzählen jemals haben könnte.

Figuren als Träger von Empathie

Noch weitere Faktoren haben einen wichtigen Einfluss darauf, dass Empathie entsteht. Einer der wichtigsten darunter ist die Bindung, die wir zu den Figuren empfinden. Gerät eine unserer liebsten Figuren in Schwierigkeiten, nimmt uns das sehr viel stärker mit, als wenn dasselbe einem unwichtigen Statisten widerfährt. Doch was bindet uns so an Figuren, dass wir mit ihnen mitfühlen?

Identifikation

Identifizieren wir uns mit einer Figur, bauen wir leichter eine Bindung zu ihr auf. Identifikation entsteht durch die Ähnlichkeit zur eigenen Lebenswirklichkeit. Deshalb ist der Typus „Jedermann“ als Protagonist auch so beliebt. Ist die Leserin/Zuschauerin selbst eine schüchterne Bibliothekarin, wird sie sich mit dem furchtlosen Actionhelden nicht sonderlich identifizieren. Das bedeutet nicht, dass sie keine Bindung zu ihm aufbauen kann. Diese entsteht dann jedoch nicht durch Identifikation, sondern durch andere Mechanismen. 

Sympathie

Einer dieser Mechanismen kann beispielsweise Sympathie sein. Wichtig: Sympathie ist nicht dasselbe wie Empathie. Sympathie ist eine normative Bewertung (extern). Dagegen bedeutet Empathie, sich so zu fühlen wie die Figur (intern). Sympathie kann jedoch zu Empathie führen oder diese verstärken.

Wichtige Faktoren für Sympathie sind Attraktivität, Fähigkeiten, Charme, Ähnlichkeit zum Leser oder die Erfüllung von Wünschen. Auch Antihelden oder Bösewichte können uns durch diese Faktoren sympathisch sein. Damit ihr unmoralisches Verhalten jedoch nicht dazu führt, dass sie trotz ihrer Qualitäten unsympathisch werden, greifen Autorinnen und Autoren auf ein paar Kniffe zurück: Sie vergleichen sie etwa mit noch böseren Charakteren, machen ihren Hintergrund und ihre Motivation besonders klar oder stellen ihre Schwächen in den Vordergrund.

Wie gut kennen wir die Figur?

Wie gut wir eine Figur zu kennen glauben, hat einen großen Einfluss darauf, wie sehr wir mit ihr mitfühlen. Wie bei einem uns nahestehenden Menschen, leiden wir auch mit Figuren, die uns besonders vertraut erscheinen, besonders mit.

Hintergrund

Hintergrundinformationen, die “Lebensgeschichte” von Figuren zu kennen, macht sie uns vertrauter. Unsere liebsten Charaktere kennen wir oft so genau wie unsere engsten Freunde. Vielleicht sogar noch besser, denn wir schauen permanent in ihre Köpfe. Daher ist es unerlässlich, dass wir vermitteln, wer Figuren sind, woher sie kommen und was sie auch „off camera“ tun.

Gedanken, Gefühle, Überzeugungen

Gerade in Büchern und Kurzgeschichten haben wir den großen Vorteil, dass wir Gedanken, Gefühle, Überzeugungen und Motivationen von Figuren besonders gut vermitteln können. Wir können in die Köpfe der Charaktere eintauchen. Dadurch erscheinen sie uns bekannter, verständlicher, naher. Diesen Vorteil haben visuelle Medien, wie Theater oder Film, in der Regel nicht in gleicher Weise. Denn dort können wir Gedanken und Gefühle der Figuren nicht einfach so erklären. Wir können sie nur andeuten. Hier erzeugen jedoch die Schauspieler, ihre Mimik und Gestik, als Identifikationsfiguren zusätzliche Empathie.

Motivationen, Wünsche

In jeder Form von Texten sollten Motivationen und Wünsche der Charaktere klar sein. Wenn wir ihre Ziele und Beweggründe verstehen, können wir auch nachempfinden, warum eine Figur nach einem Fehlschlag am Boden zerstört ist oder sie nach einem Erfolg Freudentänze vollführt. Am effektivsten funktioniert hier die Empathie wieder über Identifikation: Wenn wir persönlich dieselben Ziele verfolgen und dieselben Wünsche wie eine Figur haben, dann verstärkt das unser Mitgefühl. Das größte Maß an Empathie erzeugen daher Motivationen, die entweder dieselben der Leser/Zuschauer sind, oder die so universell sind, dass sie jeder nachvollziehen kann.

Wissen und Irrtümer

Wenn sich eine Figur über Fakten täuscht, über die auch wir falsche Vorstellungen hatten, können wir die Überraschung/Enttäuschung/den Schock nachvollziehen. Diese Technik passt nicht in jede Geschichte und ist vor allem auch eine Frage der Erzählperspektive, erzeugt jedoch sehr effektiv Empathie. Vor allem Thriller und Krimis nutzen diese Technik. Ein großer Reiz an den frühen Kriminalgeschichten lag darin, dass die Leser dieselben Informationen wie die Detektive hatten und selbst versuchten, das Rätsel zu lösen. Irrtümer eingeschlossen.

Charakter-Fehler

Nichts ist so nachvollziehbar wie Fehler. Niemand ist perfekt. Daher erzeugen Charakterschwächen, Fehlschlüsse oder dumme Entscheidungen Empathie. Wir wissen ganz genau, wie es sich anfühlt, etwas falsch zu machen oder schlechte Angewohnheiten nicht loszuwerden. Figuren, die zu perfekt sind, wirken auf uns daher unnahbar. Vielleicht bewundern wir sie, aber wir fühlen nur selten mit ihnen.

Wer ein Beispiel dafür sucht, wie man mit Charakterfehlern Empathie erzeugt, der sollte sich Game of Thrones anschauen. Vor allem in den ersten Jahren der Serie waren viele Fans geradezu besessen vom Schicksal ihrer liebsten Figuren. Alle Figuren in GOT besitzen zutiefst menschliche Fehler, treffen immer wieder dumme Entscheidungen und bekommen die Konsequenzen zu spüren. Man mag über J.R.R. Martin denken, was man will, aber er ist ein Meister der Empathie.

Schutzbedürftigkeit und Underdogs

Martin setzt noch eine weitere Technik zur Erzeugung von Empathie sehr effektiv ein: Er erschafft Underdogs, Figuren, die im Nachteil sind. Die meisten Hauptfiguren in Game of Thrones müssen gegen enorme Widerstände ankämpfen. Entweder sind sie Frauen in einer streng patriarchalischen Gesellschaft, viel zu jung für die Aufgaben, die ihnen gestellt werden oder etwa aufgrund einer körperlichen Behinderung in den Augen ihrer Gesellschaft weniger Wert. All dies sind Umstände, die zum einen untrennbar mit ihrem Wesen verbunden sind, zum anderen völlig außerhalb ihres Einflussbereichs liegen. Sie können nichts dafür. Ihr Nachteil ist nicht fair. Und genau das triggert unser Gerechtigkeitsempfinden. Wir möchten, dass diese Ungerechtigkeit aufhört. Am liebsten würden wir die Figuren sogar beschützen. Weil wir das nicht können, hoffen wir, dass sie die Widrigkeiten allein überwinden. Schon ist sie da, die Empathie.

Empathie durch Emotion Cues

Wie wir empfinden sollen, verraten uns Bücher oder Filme außerdem auch auf andere Art: Durch sogenannte Emotion Cues. Wir orientieren uns etwa daran, wie andere Figuren auf eine Situation oder eine Figur reagieren. Wenn alle unseren Protagonisten lieben, dann finden auch wir ihn mit großer Wahrscheinlichkeit sympathisch, oder zumindest sympathischer, als wir es zuvor noch getan haben. Menschen sind darauf geprimt, sich nach der Masse zu richten. Auch die Grundstimmung einer Szene (düster oder sonnig), in audio-visuellen Medien auch Farbe, Bildaufbau, Musik oder etwa Schnittgeschwindigkeit, beeinflusst subtil unsere Emotionen und bringt uns dazu, bestimmte Gefühle in Bezug auf eine Figur zu empfinden.

Fazit: 

Es gibt mehr Techniken, um Empathie zu erzeugen, als ich in einem Blogpost unterbringen könnte. Wichtig ist grundsätzlich das Gefühl „mittendrin statt nur dabei“ zu sein. Leser/innen und Zuschauer/innen können keine Empathie empfinden, wenn wir ihnen keinen guten Eindruck von einer Situation vermitteln. Es genügt nicht, ihnen zu sagen: Das war schlimm! Wir müssen ihnen zeigen, warum es schlimm war. Wenn wir das schaffen, vermitteln wir ihnen einen Eindruck von einem fremden Leben, den sie ansonsten nicht bekommen hätten. Nicht jeder lässt sich von Argumenten überzeugen. Emotionen sind dagegen eine Sprache, die absolut jeder versteht.

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