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MacGuffin

MacGuffins sind ganz schön widersprüchliche kleine Kreaturen. Einerseits sind sie unglaublich nützlich, andererseits sind sie zu nichts zu gebrauchen. Einerseits gehören sie zu den meistgehassten erzählerischen Mitteln, andererseits aber auch zu den meistgenutzten.

Ein MacGuffin ist etwas, das relevant für den Plot und/oder die Motivation der Figuren, an sich aber völlig irrelevant ist. 

Der Begriff geht auf den Drehbuchautor Angus MacPhail (der wohl beste Name in der Geschichte der Menschheit) und Drehbuchautor, Regisseur sowie Mann-mit-massivem-Mutterkomplex Alfred Hitchcock zurück.

Alfred Hitchcock definiert einen MacGuffin so: 

“The MacGuffin is the thing that the spies are after, but the audience don’t care.”[1]

Ein MacGuffin hat also zwei Voraussetzungen:

  1. Er ist enorm wichtig für die Figuren
  2. Ansonsten ist er für den Plot unwichtig.

Aus meiner Sicht kann man Hitchcocks Punkt „but the audience don’t care” noch hinzufügen, denn daraus ergibt sich auch das Hauptproblem des MacGuffins:

3. Er ist dem Publikum egal.

Beispiele für MacGuffins

MacGuffins finden sich in allen Medien über alle Genres hinweg. Als archetypischer MacGuffin gilt der heilige Gral aus der Legende um König Arthur. Später haben Bücher und Filme diesen Ur-MacGuffin immer wieder aufgegriffen (beispielsweise Indiana Jones und der letzte Kreuzzug). Doch dieser Plot Device findet sich heutzutage in allen möglichen Geschichten: Harry Potter (der Stein der Weisen), Citizen Kane (Rosebutt) oder die Hasenpfote in Mission Impossible III. Doch auch Ereignisse können MacGuffins sein, wie etwa Hamlets Begegnung mit dem Geist seines Vaters.

Am häufigsten lassen sich vier verschiedene Kategorien von MacGuffins finden:

1. Taktische MacGuffins

2. Wandelbare MacGuffins

3. Sammel-MacGuffins

4. Lebende MacGuffins.

Taktische MacGuffins

Zu den taktischen MacGuffins gehören alle Arten von Plänen, Waffen oder ansonsten auf irgendeine Art kriegsentscheidende Gegenstände. Ein Beispiel hierfür sind etwa die Pläne für den Todesstern in Star Wars. 

Das größte Problem an taktischen MacGuffins ist das, was auf dem Spiel steht. Denn wenn die Welt untergeht, wenn die Bösen den MacGuffin in die Finger bekommen, ist die Story von jetzt auf gleich totlangweilig für die Leser/Zuschauer. Warum? Weil sie genau wissen, dass es niemals zum Weltuntergang kommen wird. Daher sollte man sich genau überlegen, was der MacGuffin auslösen kann. Grundsätzlich ist es meistens klüger, das Risiko eher auf intimerer Ebene anzusiedeln. So könnte die Waffe zum Beispiel etwas zerstören, was euren Hauptcharakteren persönlich etwas bedeutet. Dann ist es auch wahrscheinlicher, dass das Publikum das Risiko nachvollziehen kann und seinen Eintritt für möglich erachtet.

Wandelbare MacGuffins

Unter wandelbaren MacGuffins verstehe ich alle MacGuffins, die sich in etwas anderes verwandeln können und damit ihre MacGuffin-Eigenschaften verlieren. Dazu gehören beispielsweise Eier (die irgendwann schlüpfen), grundsätzlich lebende MacGuffins, die irgendwann ihre Handlungsfähigkeit zurückgewinnen (Baby Yoda) oder Gegenstände, die im Laufe der Geschichte eine größere Relevanz gewinnen.

Das Gegenteil kann jedoch auch der Fall sein: Ein Gegenstand, der scheinbar eine enorme Relevanz besitzt, stellt sich am Ende als völlig nutzlos und irrelevant heraus.

Sammel-MacGuffins

Hier geht es meist um einen klassischen Schatzsuche-Plot. Beispiele sind etwa die Marvel-Infinity-Steine oder die Harry-Potter-Horkruxe. In den allermeisten Fällen ergeben die gesammelten MacGuffins gemeinsam einen wandelbaren MacGuffin.

Lebende MacGuffins

Nicht nur Tiere oder andere Kreaturen können MacGuffins sein, sondern auch Figuren. Der klassische lebende MacGuffin ist wohl die Jungfau in Nöten. Ein Beispiel aus der Antike ist etwa Helena von Troja in der Iliad. 

Es handelt sich bei Figuren-MacGuffins um Charaktere, die aus irgendeinem Grund keinerlei oder nur sehr eingeschränkte Handlungsfähigkeit besitzen. Sei es, weil sie ohnmächtig sind, noch sehr jung, weil der Autor keine Ahnung hat, wie echte Menschen handeln oder weil der Plot es halt so will.

Warum der MacGuffin umstritten ist – und Geschichten ruinieren kann

MacGuffins sind von jeher überaus umstritten. Ihre Kritiker meinen, dass sie oberflächliche Konflikte und obendrein einen formelhaften Plot produzieren. Es gibt jedoch noch ein weiteres großes Problem, das sich aus der Definition ergibt: MacGuffins sind dem Publikum ihrer Natur nach erstmal völlig egal. Das bedeutet, dass Leser oder Zuschauer nicht nachvollziehen können, warum die Figuren denn so eine große Sache aus diesem irrelevanten Ding machen, außer, der Autor/die Autorin schafft es, die Motivation extrem verständlich und nachvollziehbar darzustellen. So wird der ehemals irrelevante Gegenstand zu einem MacGuffin, für den sich das Publikum sehr wohl interessiert. Nur: Handelt es sich dann wirklich noch um einen MacGuffin?

Zum anderen kann es für das Publikum schnell langweilig werden, wenn sich ein Großteil des Plots um etwas dreht, das sie schlicht und ergreifend kein Stück schert.

Tipps für den sinnvollen Einsatz von MacGuffins

Ich persönlich mag Schatzsuche-Plots extrem gern. Und damit bin ich nicht allein: Viele der beliebtesten Filme aller Zeiten beinhalten MacGuffins: Citizen Kane, Indiana Jones, Harry Potter… Voraussetzung ist dabei jedoch in der Regel, dass sich der größte Teil des Plots NICHT um den MacGuffin dreht, sondern beispielsweise um die Figuren. Damit der MacGuffin nicht zum Ruin der Geschichte führt, hier ein paar Tipps:

1. Nicht den ganzen Konflikt daraus entwickeln

MacGuffins stoßen den Konflikt eines Plots an. Super! Sie sollten aber nicht der einzige Auslöser von Konflikten sein. Im Idealfall sind sie nur oberflächlich das, was die Parteien aneinandergeraten lässt. Geht es etwa in Wirklichkeit um einen Streit verschiedener Ideologien, zum Beispiel, weil die eine Seite den MacGuffin zum Wohle der Menschheit verwenden und die andere ihn vernichten will, ist der ganze Konflikt gleich viel interessanter. Das Beispiel selbst ist etwas klischeebehaftet, aber ihr wisst schon, was ich meine. Die wahre Geschichte erzählen wir zwischen den Zeilen.

Davon abgesehen könnt ihr auch ansonsten etliche Konflikte in den Plot einbauen, die ganz und gar nichts mit dem MacGuffin zu tun haben. Wie gut verträgt sich das Schatzsuche-Team? Was passiert um sie herum in der Welt? Wem begegnen sie auf der Jagd nach dem MacGuffin? Verliert der MacGuffin im Laufe der Geschichte an Wert für die Figuren? Und was sagt das über ihre Charakterentwicklung aus?

2. Mysteriös machen

Mysteriöse MacGuffins sind toll! Gut, ich bin hier parteiisch, denn ich liebe halt Schatzsuchen. Doch auch davon unabhängig ist Mystery eins der kraftvollsten Erzählelemente. Wir alle lieben Fragen. Und kaum etwas wirft so viele Fragen auf und beflügelt unsere Fantasie wie sagenumwobene Relikte aus der Vergangenheit. Oder aus der Zukunft. Oder aus der Gegenwart. Egal! Hauptsache mysteriös!

3. Sympathisch machen

Nun zum MacGuffin, der eigentlich kein wahrer MacGuffin ist. Also eigentlich ein Tipp, wie man MacGuffins vermeiden kann… Wer ist der beliebteste Charakter in Star Wars? Genau: R2D2. Jaja, ist mir schon klar, dass es ein paar Figuren gibt, die vermutlich noch höher auf der allgemeinen Beliebtheitsskala ranken. Trotzdem, der kleine Roboter hat im Nu die Fanherzen erobert. Und wenn er in Gefahr ist, interessiert das das Publikum definitiv! Technisch gesehen wäre es einfach gewesen, R2D2 zu einem ganz banalen MacGuffin zu machen. Doch dadurch, dass er eine Persönlichkeit hat, ist er gleich 1.000 Mal interessanter. Daher überlegt, ob ihr eure MacGuffins nicht in etwas, oder jemanden, verwandeln könnt, zu dem das Publikum eine emotionale Bindung aufbauen kann.

4. Symbolisch für das Thema

Wie schon gesagt, die wahre Geschichte erzählen wir zwischen den Zeilen. Daher sollte euer MacGuffin nur oberflächlich ein Schatz, eine Waffe oder was auch immer sein. Darunter sollte sich etwas viel wichtigeres verbergen: euer Thema. Handelt die Geschichte in Wirklichkeit von Geiz oder Neid (Schatz)? Von den Schrecken des Krieges (Waffe)? Wenn ihr das immer im Hinterkopf behaltet, kann eine Geschichte auch mit MacGuffin interessant, spannend und sogar aussagekräftig sein.


[1] In seinem berühmten Interview mit Truffaut erklärt Hitchcock den Begriff in einem Witz. Da ich den jedoch nicht sehr hilfreich finde, gehe ich darauf nicht weiter ein. Der Witz geht so: 

„It might be a Scottish name, taken from a story about two men on a train. One man says, ‚What’s that package up there in the baggage rack?‘ And the other answers, ‚Oh, that’s a MacGuffin‘. The first one asks, ‚What’s a MacGuffin?‘ ‚Well,‘ the other man says, ‚it’s an apparatus for trapping lions in the Scottish Highlands.‘ The first man says, ‚But there are no lions in the Scottish Highlands,‘ and the other one answers, ‚Well then, that’s no MacGuffin!‘ So you see that a MacGuffin is actually nothing at all.“ 

Und? Hat es das klarer gemacht? Ne, finde ich auch nicht.

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